Mai 27

4. Schaukelkrank

“Tut mir leid”, sprach mich die mittlerweile fast vertraute Stimme an. “Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.”
Na ja, das hatte ich mir auch schon gedacht.
“Ich werde dich wohl erst einmal mit nach Hause nehmen.”
Ich sah in Panik zum verschlossenen Tor rüber. “Aber das geht nicht! Ich kann doch nicht einfach… Du kannst mich doch nicht einfach … Und meine Präsentation…?” schloß ich lahm.
Er lachte nur. Sein Lachen war das erste wirklich sympathische an ihm. Unbeschwert. Er klang plötzlich sehr viel jünger.
“Die Präsentation überlass mal mir. Ich werde mir schon etwas dafür einfallen lassen.”
Ich starrte ihn verdattert an. Was hatte ein Elf mit meiner Präsentation zu schaffen? Wenn ich mit dem aufkreuzte – dann gute Nacht! Ich konnte mir jetzt schon lebhaft ausmalen, was mein Boss dazu sagen würde. Von den hämischen Sticheleien meiner lieben Kollegen mal ganz zu schweigen.
Der Elf musste mein Schweigen wohl als Zustimmung aufgefasst haben. Jedenfalls packte er meine Hand und zerrte mich forschen Schrittes in Richtung auf das Schloss.
Ich wankte hinter ihm her. So etwas wie einen Weg gab es hier nicht. Nur Gras, Moos und jede Menge Baumwurzeln, über die man stolpern konnte. Was ich mit Erfolg und Ausdauer tat. Irgendwann fiel dem Elf auf, dass ich nicht gerade mit einem guten Instinkt für Hindernisse gesegnet war. Ich stolperte gerade über eine besonders heimtückische Wurzel. Garantiert wäre ich der Länge nach hingefallen – aber da umfingen mich zwei kräftige Arme und hielten mich sicher fest.
“Kleine Lady”, erklang seine mittlerweile vertraute spöttische Stimme, “wenn du im Palast noch präsentabel aussehen willst, solltest du besser auf den Beinen bleiben.” Er musterte mich von oben bis unten. Etwas blitzte in seinen Katzenaugen auf. Seine Hand berührte kurz meine Wange. “Ich glaube, ich werde das mal in die Hand nehmen.” Sprach´s und hob mich einfach so hoch.
Ich bin nicht sehr groß, aber auch kein Fliegengewicht, das dürfen Sie mir glauben. Trotzdem packte dieser Elf mich, als ob ich nicht mehr wiegen würde als ein Kleinkind. Packte mich, warf mich total würdelos über seine rechte Schulter und lief los. Im ersten Moment kapierte ich nicht, was los war. Harte Muskeln hielten meine Beine in einem schraubstockartigen Griff, während mein Bauch darüber jammerte, dass sich etwas Spitzes in ihn hineinbohrte, und mein Kopf hoppelte hoch und runter, während die Erde unter mir vorbeiflitzte. Schon bei einer normalen Autofahrt wird mir manchmal schlecht. Dies hier war schlimmer als eine Achterbahn. Als ich endlich kapierte, dass der Kerl mich wie weiland ein Neandertaler durch die Gegend trug, dass das Spitze in meinem Magen die Schulter des Elfs war und der Schraubstock seine Hände, da war mir bereits speiübel, und ich begann prompt zu würgen.
Nur zu gerne hätte ich diesem arroganten Schnösel den Hintern vollgekotzt. Leider waren seine Reflexe zu schnell. Bevor ich loslegen konnte, hatte er mich schon abgesetzt, sorgsam auf allen vieren und mit dem Kopf nach unten. So konnte ich leider nur die nächste Baumwurzel mit Flüssigdünger beglücken.
“Was ist los?”, fragte eine mittelprächtig besorgte Stimme.
“Schon mal was von Seekrankheit gehört?” krächzte ich.
“Seekrankheit? Aber wir sind doch gar nicht auf einem See?” Seine Stimme klang irgendwie verunsichert.
“Dämlack”, grummelte ich zwischen den letzten Würgereizen. “Seekrankheit, Reisekrankheit, nenn es, wie du willst. Das wilde Geschaukelt hat mich total krank gemacht.”
Er hockte sich neben mich. Echtes Interesse klang aus seiner nächsten Frage. “Du verträgst kein Schaukeln?”
“Jedenfalls nicht, wenn ich mit dem Kopf nach unten hänge.”
“Oh.” Er klang aufrichtig erstaunt. “Das wusste ich nicht. Ist das bei allen Menschen so?”
“Bei den meisten.” Ich richtete mich vorsichtig auf. “Du hast nicht zufällig etwas Wasser dabei?”
“Nein, aber da hinten ist eine kleine Quelle.”
Ich krabbelte vorsichtig los. Der Elf schnaubte etwas, was verdächtig nach “Dumme Menschenfrau!” klang und schnappte mich am Kragen. “Falsche Richtung!” Er zog mich hoch und zerrte mich zwei schemenhaft erkennbare Bäume weiter nach rechts. Ich torkelte wie ein Blindfuchs hinter ihm her. Tatsächlich, hinter den Bäumen klang es nach plätscherndem Wasser. Noch zwei Stolperschritte, und ich konnte es endlich sehen. Ein kleiner, silbriger Wasserfaden tanzte zwischen einer Ansammlung von Steinen hervor und schlängelte sich durch die Baumwurzeln. Ich war heilfroh, dass ich mir den Mund spülen konnte. Und da ich schon mal dabei war, wusch ich mir schnell noch Gesicht und Hände und fuhr mit der nassen Hand durch meine wirren, aufgeplusterten Haare. Gut. So langsam fühlte ich mich wieder menschlich. Ich wagte einen Blick schräg nach hinten. Der Elf musste neben dem Baumstamm stehen, ich konnte in dem unförmigen schwarzen Klecks zwei leuchtende grüngoldene Katzenaugen erkennen.


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Posted 27. Mai 2014 by web535 in category Allgemein

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