Mai 21

3. Das Kreidetor

Ja soviel hatte ich mir auch schon gedacht. Aber wie? Trolle auf der einen Seite, Trolle um die Ecke auf der anderen Seite, keine Deckung außer einigen zerlaufenden Autos und eine vier Meter hohe, glatte Mauer vor der Nase…
Der Elf holte etwas aus der Hosentasche. Es schien ein Stück Kreide zu sein. So schnell, dass ich seinen Bewegungen kaum folgen konnte, skizzierte er eine Tür auf die Mauer. Dann murmelte er etwas, und aus den Kreidelinien erhob sich ein wabernder grauer Nebel. Gleichzeitig verdichtete sich die gezeichnete Tür zu etwas, das verdächtig wie ein dickes Eichenholztor aussah. Der Elf öffnete das Tor, zerrte mich hindurch, schmiss die Torflügel hinter sich zu und murmelte wieder sein komisches Kauderwelsch. Dann sackte er erschöpft zu Boden. “Gütige Mondfrau, das war knapp!”
Ich starrte erst ihn an, dann das geschlossene Tor, dann die Umgebung. Mein Unterkiefer klappte herab. Meine Fresse! Wo war ich hier gelandet? Das Tor saß in einer Wand aus großen, gipsweißen Steinblöcken, die in beide Richtungen unendlich weit zu laufen schien. Dahinter waberte, soweit man das überhaupt erkennen konnte, der graue Nebel. Und auf unserer Seite schien der Mond. Der Mond? Es war 8:17 gewesen, als ich auf die Uhr gesehen hatte. Morgens. Aber hier war es Nacht, und der Mond schien. Sehr hell übrigens. Hell genug, dass ich die großartige Parklandschaft in allen Details erkennen konnte. Blumenübersääte Wiesen, in denen einzelne, riesige Bäume standen. Keine Ahnung was für welche, Botanik war noch nie meine Stärke. Aber die Stämme waren dick genug, dass man einen 12-Personen-Aufzug darin hätte unterbringen können. Weiter hinten waren ein paar flache, offenbar teils bewaldete Hügel zu sehen, und auf einem dieser Hügel stand ein Schloss. So ein richtiges Märchenschloss mit allem Drum und Dran, spitze Türme, flatternde Fahnen, viele hell erleuchtete Fenster und eine Unmenge verschiedener Gebäude in engster Nachbarschaft. Selbst von hier war zu erkenne, dass es dort vor Leuten nur so wimmelte.
Eine Hand legte sich von hinten auf meine linke Schulter. Ich zuckte zusammen. Ein kurzer Blick bestätigte mir, dass es der Elf war. In mir keimte der böse Verdacht, dass er vielleicht doch kein LARP-Spieler war. Ich meine, mit dem Nebel und dem Schloss und allem …


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Posted 21. Mai 2014 by web535 in category Aktuelles Manuskript

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