Juni 26

6. Ein kühler Empfang

Etliche blaue Flecken später taumelte ich am Ende meiner Kräfte auf die breiten Eingangsstufen des Schlosses zu, heilfroh, dass der Elf mich immer noch fest gepackt hatte. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, da ließ er los. Scheiße!
Ich bretterte mit dem Schienbein genau auf die Kante der ersten Stufe. Einen Moment lang schloss ich die Augen und zählte innerlich langsam bis drei. bevor ich sie wieder öffnete. Die Körpermitte des Elfs befand sich unmittelbar in Augenhöhe vor meinem Gesicht. Die hintere Körpermitte. Genauer gesagt, sein Arsch.
“Bleib hinter mir!” zischte er und setzte bereits seinen Fuß auf die nächste Stufe.
Einen Moment sah ich nur verdattert auf seinen verlängerten Rücken. Dann registrierte mein Gehirn plötzlich eine sehr lange Reihe großer, gelber Katzenaugen, die neben der Treppe aufgereiht schienen und irgendwie hungrig in meine Richtung blickten. Das beflügelte meine Füße ausreichend, dass sie sich schleunigst wieder in Bewegung setzten.
Ich stolperte hinter dem Elf her die Treppe hoch. Der Schnösel verschwendete keinen Blick an mich. Er war hinreichend damit beschäftigt, einigen zugegeben sehr dekorativen Damen am oberen Ende der Treppe zuzuwinken. Als ich schnaufend oben ankam, stand er bereits in einem Ring weiblicher Bewunderer und verteilte artig Komplimente.
Ich ging zögerlich einen Schritt näher. Wie auf Kommando wandten sich alle Köpfe mir zu.
„Oh Göttin, sagt, dass das nicht wahr ist!” Die Elfen-Schönheit klang irgendwie entsetzt.
„Das was nicht wahr ist?”, fragte mein unerbetener Retter honigsüß.
„Ihr habt doch nicht wirklich eine Menschenfrau hierhergebracht?” Jetzt klang neben dem Entsetzen noch abgrundtiefe Verachtung in ihrer Stimme.
So nicht, meine Liebe! Ich streckte wütend das Kreuz durch und hob mein Kinn. “Was dagegen?”
Sie zuckte zusammen. „Bringt Eurem Haustier Manieren bei, Tereian, sonst könnte ich mich zu etwas gezwungen sehen, was Ihr ganz sicher nicht wollt!”
Aua! Wenn ich je eine düstere Drohung gehört hatte, dann diese.
Mein Elfenretter, dessen Namen ich jetzt immerhin wusste, schien das auch so zu interpretieren. Er trat hastig zu mir, packte meinen linken Arm und schob mich hinter sich. Verdammt, diese Rückseite kannte ich langsam bis zum Überdruss. „Lady Silva,” sülzte er mit zuckersüßer Stimme, „Ihr wollt doch nicht wirklich andeuten, dass Ihr die Worte einer Menschenfrau” – er betonte dieses Wort überdeutlich – „tatsächlich zur Kenntnis nehmt?”

Juni 23

5. Die Einhornquelle

“Fertig?” fragte er spitz. Ich nickte nur stumm. Er kam aus dem tiefen Schatten ins Mondlicht heraus. Irgend etwas war anders an ihm. Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, was mich irritierte. Der Kerl hielt ein Messer in der linken Hand, Größe XXL. Der wollte wohl wohl nicht etwa…?
Er schlich um mich herum, die ganze Zeit die Nase hoch erhoben, und schnupperte in den Wind. “Wir müssen hier schnell weg,” sagte er.
“Noch mehr Trolle?” fragte ich.
“Nein, hierher können sie nicht kommen.” Seine Stimme klang nachdenklich, er schien sehr weit weg zu sein in seinen Gedanken. “Aber diese Quelle gehört einem Einhorn. Und die sind wahrlich nicht glücklich, wenn Fremde sie benutzten. Noch dazu, wenn diese Fremden stinkende Spuren am Ufer hinterlassen.”
“Na hör mal,” protestierte ich, “du hast mich doch zu dieser Quelle gebracht.”
“Jaja,” murmelte er, “habe ich- eine schaukelkranke Menschenfrau ist noch fürchterlicher als ein wütendes Einhorn. Aber trotzdem, ich habe keine Lust, heute Abend noch ein Turnier auszufechten. Komm schon, lass uns endlich verschwinden!”
Ich streckte zögernd meine Hand aus. Keine Sekunde später stolperte ich wieder im Laufschritt neben ihm her. Wenigstens versuchte er nicht wieder, mich zu tragen.